Was Ihr wählt!
Die tragikomische Wirklichkeit des AfD-Programms


Bei der Lektüre des Parteiprogramms der AfD weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Beispielsweise mutet die Theorie, dass CO2 eine für das Pflanzenwachstum wichtige Substanz ist und daher der Klimaschutz pure Panikmache ist, komisch an. Dagegen tauchen in fast jedem Programmpunkt Migration, Migranten und Flüchtlinge als Problem auf: in Kultur, in der Bildung, in der Familienpolitik und sogar im Tierschutz.

Dass eine Partei, die nachweisbar zwischen Wahn und Wahnsinn agiert und deren Programm voller Hass steckt, von immer mehr Menschen gewählt wird, ist – gelinde gesagt – erschreckend.

Man kann sich nun über die vermeitliche Dummheit der Wähler aufregen. Oder die politische und soziale Atmosphäre, in der die AfD ihre Erfolge feiert, analysieren, da die "Alternative" nicht aus dem Nichts entstanden ist. Denn die AfD schürt nicht nur Ängste. Vielmehr nutzt sie die Ängste aus, die seit der Wiedervereinigung und spätestens seit der Umsetzung der so genannten Hartz-IV-Gesetze entstanden sind.

Die einfache Antwort der AfD auf die Ängste lautet: Tradition, Tradition und noch mehr Tradition. Die Frau wird auf die Rolle als Mutter und Hausfrau reduziert. Der Mann zum Alleinverdiener und Patriarchen. Migration ist Verrat am Volk. Windkraftanlagen verschandeln die Aussicht. Kohlekraftwerke sollen gebaut werden. Und und und...

Aber zwischen den Zeilen des Programms warten die Überraschungen für viele der heutigen AfD-Wähler: Wegfall des Arbeitslosengeldes I, Kürzungen der Sozialleistungen, unsichere Beschäftigungen...

Das Stück:
Gerade hat die AfD getagt. Der Tisch steht noch voller Bierflaschen. Aber die Parteiführung ist verschwunden. Zwei PR-Frauen stehen nun vor einem großen Problem: sie sollten heute eigentlich das Parteiprogramm bekommen, um es der Öffentlichkeit zu präsentieren. Jetzt bleibt auch das Schreiben des Programms an ihnen hängen. Ungeschminkt formulieren sie die Inhalte von Präambel, Familienpolitik, Umweltpolitik und Ausländerpolitik. Sie merken aber schnell, dass die rassistischen und frauenfeindlichen Vorstellungen der AfD überarbeitet werden müssen. Dafür haben die beiden Frauen einen Computer mit Verharmlosungsprogramm! Doch das Ergebnis ist trocken und wenig reißerisch. Daher muss eine unterhaltsame Umsetzung her...

Allmählich bekommt eine der PR-Frauen ein schlechtes Gewissen. Längst hat die AfD die Herrschaft in Deutschland übernommen. Und jeder, der die "alternative" Politik in Frage stellt, muss umerzogen werden. Jetzt bekommen die PR-Frauen das Ergebnis der AfD-Politik am eigenen Leib zu spüren: Diskriminierung der Frauen, der Ausländer, der Arbeitslosen...

Satire und bitterer Ernst gehen in diesem rund einstündigen Stück Hand in Hand. Mit Humor werden die wichtigsten Inhalte des AfD-Programms wiedergegeben. Mit tragischem Ernst die Folgen des Programms gezeigt. Ein Theaterabend der nachdenklich, unterhaltsam und erschütternd zu gleich ist.

Mit: Alena Bacher und Johanna Kollet
Regie/Autor/Musik: Heiko Ostendorf
Premiere: 1.12.2016

Das schreibt die Presse:

„Was ihr wählt!“ setzt sich mit dem Parteiprogramm der AfD auseinander und beginnt als satirische Betrachtung, wie es entstanden sein könnte. Am Start sind zwei PR-Damen, die eines morgens feststellen, dass die komplette Führungsriege der „Alternative für Deutschland“ abgetaucht ist. Also nehmen sie die Sache selbst in die Hand. Beziehungsweise deren Schlagwörter und fremdenfeindliche Parolen, um daraus ein Parteiprogramm zu basteln. Weil man das aber so unverblümt nicht stehenlassen kann, muss es erst durch ein Verharmlosungsprogramm gejagt werden. Dafür hat Autor und Regisseur Heiko Ostendorf einen raffinierten Kubus gebaut, der vorne nicht nur über einen Computerbildschirm verfügt, sondern auch noch mit einer Falltür ausgestattet ist, sodass die Schauspielerinnen darauf und darin herumturnen können.
Von dieser Möglichkeit machen Alena Bacher und Johanna Kollet ausgiebig Gebrauch. Denn das Verharmlosungsprogramm liefert nur trockenes Kauderwelsch, das erst noch in eine publikumswirksame Form gebracht werden muss. Das gelingt schließlich mit Hilfe eines reißerischen Action-Thrillers, dessen Setting direkt aus Hollywood stammen könnte. Bacher und Kollet steigern sich hier mächtig rein. In bewusst überdrehtem Spiel beschwören sie Überfremdungsängste und überkommene Traditionen, die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduzieren.
So lustig das auch sein mag, dem Phänomen AfD als Ganzem würde es nicht gerecht. Deshalb lässt Ostendorf der Farce einen fiktiven Teil folgen, in dem die Partei an der Regierung ist und die Protagonistinnen ernsthaft an der neuen Situation leiden. Diese düstere Zukunftsvision sorgt auf der Bühne und beim Publikum für einen radikalen Stimmungswechsel. Und sie verwandelt die anfänglich als Satire angelegte Inszenierung in einen dringenden Appell, gut darüber nachzudenken, was man ankreuzt, wenn man zur Wahl geht.
Westfälische Nachrichten

(Den kompletten Artikel finden Sie hier.)

Fotos: Angelika Osthues